Deutsche Kolonien

Deutsche Kolonien

Am Ende des 18. Jahrhunderts kamen süddeutsche Siedler nach Galizien. Sie suchten eine bessere Zukunft im Osten und fungierten zudem als Kulturträger für die Habsburger Monarchie. In diesem Zuge entstanden auch die Kolonien Münchenthal und Burgthal. Die Deutschen lebten dort in Koexistenz mit der übrigen Bevölkerung, ehe sie im Zweiten Weltkrieg Galizien verlassen mussten. Ihre Spuren lassen sich aber heute noch finden.

Die katholische Kirche in Münchenthal heute.
Die katholische Kirche in Münchenthal heute.

Münchenthal wurde 1784 gegründet. Die deutschen Familien kamen hauptsächlich aus dem Südwesten Deutschlands, der Würtemberg, Elsaß-Lothringen und aus der Gegend um Mainz. Der Gemeinde wurden 25 Joch Weide und 20 Joch Wald zugesprochen. Außerdem bekam jeder Siedler ein Joch für die eigene Nutzung. Für die erste Siedlergeneration war das Überleben in dem neuen Dorf sehr hart, da neben den Schwierigkeiten, die eine neue Hofgründung mit sich brachte, auch Krankheiten ausbrachen, aufgrund derer viele Menschen verstarben.
Obwohl auch Dorfbewohner anderer ethnischer Zugehörigkeit in dem Dorf lebten, war dieses nach der Ansiedlung der deutschen Siedler großteils deutsch. Die nächstgrößere Dorfgemeinschaft war die der Polen. Dies führte immer wieder zu Spannungen.
Vor allem in der römsich-katholischen Kirche, die sowohl die deutschen als auch die polnischen Dorfbewohner besuchten, gab es immer wieder Auseinandersetzungen.

War der erste Priester dort Deutscher gewesen, folgten auf ihn polnische Priester, die teilweise harsch gegen die deutsche Bevölkerung vorgingen. So wurde das Beten und Singen auf deutsch verboten und ein deutscher Siedler, der sich nicht daran hielt, wurde vier Wochen im Gefängnis festgesetzt. Außerdem bezichtigten die deutschen Siedler einen Priester, die Messgegenstände aus der Kirche nach Polen gebracht zu haben. Die Gemeinde war dazu gezwungen, diese zu ersetzen.
Im Ersten Weltkrieg wurde die Kirche von der russischen Armee geplündert. In der Zwischenkriegszeit wurde die Kirche wieder aufgebaut und aufwendig saniert.
Im Zweiten Weltkrieg jedoch wurde die Kirche in Brand gesetzt und erneut zerstört. Dabei ist umstritten, ob die sowjetische Armee oder die ukrainische Partisanenbewegung (UPA) dafür verantwortlich ist. Die heutigen Dorfbewohner berichten davon, dass „ein Verrückter“ die Kirche in Brand gesteckt habe. Nach dem Krieg ist die Kirche nicht wieder aufgebaut worden, da sie nicht mehr genutzt wurde. Die ukrainischen Dorfbewohner besuchten die orthodoxe Kirche und der Großteil der deutschen und polnischen Bewohner lebte nicht mehr in Münchenthal.

Die katholische Kirche in Münchenthal nach ihrer Errichtung.
Die katholische Kirche in Münchenthal nach ihrer Errichtung.
Grabstein auf dem deutschen Friedhof in Münchenthal.
Grabstein auf dem deutschen Friedhof in Münchenthal.

Ehemalige Einwohner und Organisationen versuchen an die deutschen Spuren zu erinnern. Besonders engagiert ist das Hilfskomitee der Galiziendeutschen e.V., das sich intensiv mit der Zeit der deutschen Siedler in Galizien beschäftigt. 2009 wurde in Münchenthal auf Intiative des Hilfskomitees und durch private Spenden ein Gedenkstein auf dem verfallenen deutschen Friedhof eingeweiht.

Monument auf dem deutschen Friedhof in Münchenthal.
Monument auf dem deutschen Friedhof in Münchenthal.
Das Innere des Deutschen Hauses. Bis vor Kurzem in Benutzung.
Das Innere des Deutschen Hauses. Bis vor Kurzem in Benutzung.

Die Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Polen beschränkte sich jedoch nicht nur auf die Kirche. Auch in Schulangelegenheiten entstanden Streitigkeiten. Die Schule war zunächst 1872 eröffnet worden und durch einen kaiserlichen Erlass zu einer Privatschule mit Deutsch als Unterrichtssprache bewilligt worden. Da eine Privatschule immer mit hohen Kosten verbunden ist, beschloss die deutsche Gemeinde 1896 die Schule in die Aufsicht des Landesschulrates zu übergeben. Daraus folgerte jedoch, dass der Unterricht nicht mehr auf Deutsch abgehalten wurde, sondern auf Polnisch. Aus Sicht der deutschen Dorfbewohner war dies ein herber Rückschlag: „Die deutsche Schule, das Werk der Väter, in welcher die deutsche Jugend recht und gut gelehrt wurde, war nun vernichtet und an ihre Stelle trat nun eine Polonisierungsanstalt“. Eine große Sorge war, dass die deutschen Kinder in der Schule Deutsch nur noch in wenigen Stunden als zweite Sprache unterrichtet wurde. Für die Eltern war dies gleichbedeutend mit einem Verlust von deutscher Kultur und Brauchtum.

Um dem entgegenzuwirken, kaufte die deutsche Gemeinde Baugrund im Dorf und baute dort das deutsche Haus. Dieses wurde als Versammlungsstätte der deutschen Dorfbewohner genutzt, in der Kulturveranstaltung, aber auch Deutschunterricht für die Kinder stattfand. Bis heute wird das Haus von der Münchenthaler Bevölkerung genutzt. Allerdings stürzte einige Tage vor unserem Besuch eine der Ecken ein, sodass das Gebäude aus statischen Gründen im Moment nicht betreten werden darf.

Eingestürzte Ecke des Deutschen Hauses in Münchenthal.
Eingestürzte Ecke des Deutschen Hauses in Münchenthal.

Mehr Zeugnisse der Galiziendeutschen finden.   Archiv der Galizeindeutschen

Satellitenansicht von Burgthal aktuell (Google maps).
Satellitenansicht von Burgthal aktuell (Google maps).

Eine weitere deutsche, katholische Kolonie war das kleine Dorf Burgthal westlich derheutigen Stadt Horodok. Mitte der 1930er Jahre wohnten dort 19 deutsche, neun polnische, fünf ukrainische und zwei jüdische Familien. Die Dorfbewohner berichten, dass es trotz dieser Durchmischung keine besonderen nationalen Streitigkeiten gegeben habe.

Plan von Burgthal 1939(bereitgestellt von Alfred Konrad)
Plan von Burgthal 1939
(bereitgestellt von Alfred Konrad)
Zerbrocherner Grabstein in Burgthal.
Zerbrocherner Grabstein in Burgthal.

Auch in Burgthal gab es einen deutschen Friedhof. Anders als in Münchenthal wird an diesen aber in keiner Form erinnert, auch im Dorf scheint dieser kaum wahrgenommen zu werden. Die Grabsteine sind inzwischen verfallen und können nur schwer identifiziert werden. Der Ort dient teilweise als Schuttplatz.

Kreuz auf dem deutschen Friedhof in Burthal.
Kreuz auf dem deutschen Friedhof in Burthal.
Deutscher Grabstein in Burgthal.
Deutscher Grabstein in Burgthal.

Der deutsche Dorfbewohner Eduard Merian berichtet über die letzten Tage in Burgthal:

„Am 24.09.1939 erschien eine Gruppe deutscher Offiziere. Alle hier lebenden Deutschen sollten ins deutsche Reich umgesiedelt werden“
„[Aber wir kamen nicht in] die Pfalz, sondern [nach] Polen, das Gebiet um Posen, de[n] sogenannte ‚Warthegau‘“
„Mein Vater sehnte sich so sehr nach Burgthal, schwärmte von seinem alten Haus“
„Wir haben unsere Wirtschaft nicht zurückbekommen, sondern sind in Burgthal [später wieder neu angesiedelt worden“
„Galizien wurde unwiederbringliche Vergangenheit. Es war für alle ein Trauma“.

Parallel dazu beschreibt sein polnischer Nachbar Czeslaw Rajca:

„Die Kolonisten wurden ermuntert, ihre Höfe zu verlassen und gemeinsam mit der deutschen Armee nach Westen zu ziehen“
„Irgendwann im Mai 1943 wurde angekündigt, dass alle Ukrainer und Polen in der nächsten Zeit ausgesiedelt würden“
„Man durfte Kleidung, Bettwäsche, Lebensmittel, sowie Lebendinventar mitnehmen“
„Nach drei Wochen erreichten wir Swieta Katarzyna in der Nähe von Breslau“
„Etwas zieht mich in diese Gebiete und seit 1964 besuche ich dieses Stückchen Heimat oft“.