Kosaken

Da das Kosakentum einem in der Ukraine neben Chotyn und Kamenez-Podolskyj auch in anderen Regionen und Lebensbereichen, wie z.B. als kosakisches Restaurant oder als Filmthema, begegnet und weil es genau deshalb einen unabdingbaren Bestandteil des ukrainischen Selbstverständnisses darstellt, wollen wir im Folgenden einen Blick auf seine Geschichte, bedeutende Persönlichkeiten und Rezeption werfen.

Denkmal für den Hetman Sahajdatschny in der Nähe der Burg Chotyn zur Erinnerun an den Sieg in der Schlacht gegen die Osmanen im Jahre 1621 (eröffnet 1991 bei der Feier zum 370. Jahrestag).
Denkmal für den Hetman Sahajdatschny in der Nähe der Burg Chotyn zur Erinnerun an den Sieg in der Schlacht gegen die Osmanen im Jahre 1621 (eröffnet 1991 bei der Feier zum 370. Jahrestag).

Ursprünge

Im 15. Jahrhundert war das Gebiet der heutigen Ukraine zwar nominell der Polnisch-Litauischen Union zugehörig, faktisch handelte es sich aber um einen nahezu herrschaftslosen Raum, in dessen Grenzgebieten es immer wieder zu Überfällen durch die Krimtartaren kam. In diesen Verhältnissen entwickelte sich die soziale Gruppe der Kosaken, die auch in der heutigen Erinnerungskultur in der Ukraine eine Rolle spielt. Bei den Kosaken handelt es sich um Gemeinschaften, die in den Flusswäldern am unteren Dnjepr lebten und ihre Existenz durch gemeines Fischen, Jagen, etc. sicherten. Sie wurden auch die Zaporožer Kosaken genannt, was so viel bedeutet wie „die Kosaken jenseits der Stromschnellen“. Im Laufe des 16. Jahrhunderts wuchs diese soziale Gruppe immer weiter an, da viele Bauern vor der fortschreitenden Leibeigenschaft aus dem Westen in die Gebiete der Kosaken flohen. Außerdem wurden Festungsanlagen, sog. Sitsch, zum Mittelpunkt des Alltags, was den Gemeinschaften eine von der polnisch-litauischen Regierung relativ unabhängige und gleichzeitig organisierte Stellung verschaffte.

Figuren verschiedener Kosaken in Kamenez. Im Inneren der Festung werden unterschiedliche Persönlichkeiten und Ereignisse, die Teil der Burggeschichte sind, in Bild und teilweise Text dargestellt.
Figuren verschiedener Kosaken in Kamenez. Im Inneren der Festung werden unterschiedliche Persönlichkeiten und Ereignisse, die Teil der Burggeschichte sind, in Bild und teilweise Text dargestellt.

Das oberste Entscheidungsgremium der Zaporožer Kosaken war die Versammlung aller Kosaken, durch die die Offiziere und der Anführer, der Hetman, gewählt wurde, der mit relativ weitreichenden Kompetenzen ausgestattet war. Ab dem 16. Jahrhundert erweiterte die polnische Adelsrepublik ihre Kontrolle über die Grenzgebiete, indem sie einige Kosaken als reguläre Truppen in ihren Dienst nahm und Teile von ihnen in den polnischen Adel integrierte. Dies führte zu einer Spaltung zwischen den sog. Register-Kosaken und den einfachen freien Kosaken. Anfang des 17. Jahrhunderts begann Polen-Litauen, die Zahl der Register-Kosaken zu dezimieren und ihre Privilegien zu beschränken. Aus diesem Grund engagierten sich die Kosaken in den 1630ern vermehrt in der Protestbewegung gegen den polnischen Adel, die sich größtenteils gegen die fortschreitende Abhängigkeit der Bauern richtete. 1637/38 kam es zu einem Aufstand, der allerding durch polnische Truppen blutig niedergeschlagen wurde. Die generelle Unzufriedenheit der Bauern und zunehmend auch bei den Kosaken blieb allerdings.

Die Person Bohdan Chmelnyckyj

Diese Grundstimmung war noch vorhanden, als Bohdan Chmelnyckyj 1648 von den Zaporožer Kosaken zum Hetman gewählt wurde. Er motivierte die Kosaken zu einem neuen Aufstand gegen den polnischen Adel. Ein Bündnis mit den Krimtataren sicherte ihm einen ersten Sieg gegen die polnischen Truppen, was weiten Teilen der Bevölkerung Anlass gab, sich zu einem Volksaufstand zu erheben. Chmelnyckyj konnte weitere militärische Erfolge erringen und so wurde er im Januar 1649 in Kiew als Held empfangen. Dort kam er in Kontakt mit der orthodoxen Geistlichkeit, weshalb er verkündete, dass er in Zukunft für den orthodoxen Glauben kämpfen werde. Am 18. August 1649 wurde der „Vertrag von Zboriv“ zwischen Chmelnyckyj und dem polnischen König geschlossen, der die Errichtung eines Herrschaftsverbandes nach dem Vorbild der Heeresorganisation der Kosaken unter der Führung Chmelnyckyjs als Hetman vorsah. Mit dieser Entwicklung war Polen-Litauen unzufrieden, weshalb es 1651 zu einem militärischen Schlag kam, der diesmal für die Kosaken mit einer Niederlage endete. Ein Grund dafür war, dass die Krimtataren kein Bündnis mehr schließen wollten.

Gruppe Innenhof
Filmplakat "Hetman"
Filmplakat "Hetman"

Chmelnyckyj musste sich deshalb nach alternativen Verbündeten umschauen. 1652/53 bat eine kosakische Delegation beim Zaren in Moskau um Unterstützung. Dieser bestand darauf, dass die Kosaken einen Treueid schwören müssten. Dies war aus Sicht des Zaren der erste Schritt einer Inkorporation der Ukraine in sein Reich und wird in der sowjetischen Rezeption des Kosakentums bis heute zumeist als Vereinigung der beiden Länder gesehen.
Bohdan Chmelnyckyj ist auch heutzutage noch in historischen Narrativen vor allem in der Ukraine präsent. Sein Abbild befindet sich beispielsweise seit 2003 auf dem 5er-Schein der ukrainischen Währung. Ein weiteres aktuelles Beispiel ist der Film „Hetman“, der am 29.10. in der Ukraine in die Kinos kam. Er behandelt das Leben Chmelnyckyjs und insbesondere die Zeit der Aufstände.

Die Person Ivan Masepa

Eine zweite zentrale Persönlichkeit des Kosakentums ist Ivan Masepa, geboren am 20. März 1639 als Mitglied des ukrainischen Adels. 1687 wurde Masepa zu einem der beiden Hetmanen, nämlich des linksufrigen Hetman gewählt. In dieser Position sorgte er dafür, dass die Grenzen gegen die Türken und Tataren gesichert wurden und er stärkte darüber hinaus die Kosakenaristokratie. Masepa pflegte eine enge militärische und persönliche Allianz zu Zar Peter I.: Beispielsweise im Nordischen Krieg zwischen 1700 und 1721, bei dem das Russische Zarenreich, die Personalunion Sachsen-Polen und Dänemark-Norwegen als sog. Dreierallianz gegen das Schwedische Reich um die Vorherrschaft im Ostseeraum kämpften, stand Ivan Masepa auf der Seite „seines“ Zaren. Kurze Zeit später jedoch brach Masepa, auch für den Zaren überraschend, mit Peter I. und schlug sich auf die Seite Schwedens unter König Karl XII. Ivan Masepa wurde umgehend von der Russisch-Orthodoxen Kirche ausgeschlossen und als Verräter, der ebendieser schaden wollte, diffamiert, was das Vorgehen gegen ihn rechtfertigen und die Menschen gegen ihn aufbringen sollte. Am 26. Juni 1709 kam es schließlich zur Schlacht von Poltawa, in der die russische Seite unter Zar Peter einen Sieg erringen konnte, der schließlich die Vorherrschaft des Zarenreiches auf dem Gebiet für die nächsten Jahrzehnte sicherte. Der schwedische König und Masepa flüchteten nach Süden, wo Letzterer am 17. Juli 1709 in Bug, auf osmanischem Gebiet, starb.

10 Hyrvnia Schein.
10 Hyrvnia Schein.

Die Motive für Masepas Seitenwechsel sind in der Wissenschaft oft hinterfragt worden und umstritten: Es wird u.a. darauf hingewiesen, dass Masepa die Unterordnung der Kosakenregimente unter deutsches bzw. russisches Kommando nicht akzeptieren wollte, andererseits wird in manchen Fällen auch in Frage gestellt, ob Masepa tatsächlich konkrete Motive hatte. In der Kunst ist Masepa ebenfalls häufig thematisiert worden: beispielsweise in Gedichten von Lord Byron, Voltaire und Aleksandr Pushkin, Tschaikowskis Oper Mazeppa oder auch Franz Liszts gleichnamiger sinfonischer Dichtung. Masepa ist dort meistens als erfahrener, kämpferischer Reiter dargestellt, darüber hinaus teilweise als Kämpfer für die Freiheit der Kosaken und der Ukraine. Vor allem in der sowjetischen Darstellung taucht jedoch auch das Narrativ des egoistischen Masepa auf, der mit seinem Seitenwechsel der ukrainischen Nation geschadet und sie verraten habe. Dass der Hetman Masepa nichtsdestotrotz eine bedeutende Rolle in der ukrainischen Erinnerungskultur einnimmt zeigen einige ihm zu Ehren errichtete Denkmäler, nach ihm benannte Straßen und seine Abbildung auf dem 10-Hrywnja Schein, der ukrainischen Währung. Vor allem in und von der Gesellschaft ausgehend gibt es, v.a. seit der ukrainischen Unabhängigkeit, einen Erinnerungskult um Masepa, der ihn positiv und als Beispiel für nationale Identität sowie Freiheit hervorhebt.

Die Bar Hetman in Ternopil.
Die Bar Hetman in Ternopil.

Aktuelle Rezeption des Kosakentums

Wie bereits erwähnt, ist das Kosakentum zentral für das ukrainisches Selbstbild und -verständnis, demzufolge es noch immer als Inbegriff der Freiheitskämpfer gilt. Negative Themen und Ereignisse bezüglich der Kosaken werden dabei häufig nur am Rande thematisiert. Dazu gehört beispielsweise die Beteiligung von Kosaken an Judenpogromen, u.a. im Rahmen des o.g. Chmelnyckyj-Aufstandes: es wurden nicht nur Angehörige der (polnischen) Oberschicht getötet, sondern auch tausende Juden. Ein aktuelles Beispiel dieser Problematik ist die Aufstellung eines Denkmals in Uman, das zwei Kosaken-Anführern gewidmet ist. Auch bei dem Aufstand, dem sie vorstanden, wurden zahlreiche Juden ermordet, weshalb sich die jüdische Gemeinde gegen das Aufstellen des Denkmals wehrte. Ihre Kritik fand keine besondere Berücksichtigung, seit Mitte Novmber steht das Denkmal.

Die ukrainische Rezeption der Kosaken wird im Land teilweise zur Instrumentalisierung und Mobilisierung genutzt, auch wieder in ganz aktuellem Zusammenhang. So gab es einige Maidan-Protestteilnehmer, die sich konkret auf autonome Kosakeneinheiten und die durch sie verkörperte Opferbereitschaft für den Freiheits- und Unabhängigkeitskampf bezogen, der unter den Protestierenden als vorbildhaft und notwendig galt. Es ist ganz allgemein ein wieder aufkommendes Bewusstsein und ein steigender Erinnerungskult um das Kosakentum in vielen Lebensbereichen zu erkennen, z.B. durch die Thematisierung in Film, Literatur, Alltag u.Ä.

5 Hryvnia Schein.
5 Hryvnia Schein.

- Elena, Germanistikstudentin aus Ternopil -

„Ich habe viele Erkenntnisse über Kosaken noch von Schule. […] Meinungen zu Kosaken sind ganz verschieden. Einige finden ihre Aktionen falsch und negativ, weil Kosakentum wegen politischen Spielen der Nachbarländer zu zerfallen begann. Einige Kosaken wurden Verräter auch. Aber es gab viele treue Kosake, die ukrainische Länder in Schutz nahmen und versuchten zurückzuerobern. Im Ganzen war Kosakentum bevor Eingriff der anderen Länder sehr nützlich und sie schlugen Angriffe der Tataren ab, mithin litten einfache Leute weniger. Trotzdem bewahrten sie ukrainische Traditionen, Sitten, Kultur, Sprache und orthodoxe Kirche. Heutzutage viele Jugendliche finden Kosaken echte Patrioten. Und Kosakentum ist das Symbol der Willenskraft, der Freiheit, des Patriotismus, der Unabhängigkeit. Und jetzt Ukraine erbte einige Traditionen der Kosaken, z.B. Keule, die Hetmans hatten, bedeutet heute Zeichen der Macht und ukrainischer Präsident bekommt sie. Und viele Burschen schneiden auch die Haare lassen wie Kosaken.“