Drohobych und Stryj

Drohobych & Stryj

Jüdisches Erbe in Drohobych

Bereits renovierte Fassade der Synagoge
Bereits renovierte Fassade der Synagoge
Die große Synagoge in Drohobych vor der Restauration
Die große Synagoge in Drohobych vor der Restauration
Der Innenraum der Synagoge, noch nicht begonnene Renovierung
Der Innenraum der Synagoge, noch nicht begonnene Renovierung

Die Geschichte der südwestlich von Lemberg gelegenen Stadt Drohobych geht zurück bis ins frühe Mittelalter. Als Zentrum der galizischen Salzproduktion erhielt die Stadt 1422 das Magdeburger Stadtrecht. Im 19. Jahrhundert erlebte die Stadt als wichtiger Standort der galizischen Erdölindustrie ein rasantes Bevölkerungswachstum. Im Laufe ihrer Geschichte erfuhr die Stadt diverse Herrschaftswechsel: So fiel die Stadt 1722 unter Habsburger Herrschaft und wurde 1919 in das neugegründete Polen eingegliedert. In jeder Periode ihrer Geschichte beherbergte die Stadt Bevölkerungsgruppen mit verschiedenen kulturellen und sprachlichen Hintergründen.

Bereits das Mittelalterliche Drohobych stellte ein wichtiges Zentrum jüdischen Lebens in Galizien dar. Sowohl die Mittelalterliche Salzproduktion als auch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert waren stark jüdisch geprägt. Beispielsweise arbeitete um die Jahrhundertwende der Großteil der jüdischen Bevölkerung unter harten Bedingungen in der Erdölindustrie; andere waren als Fabrikbesitzer oder Händler zu Reichtum gekommen. Vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs machte die jüdische Bevölkerung knapp ein Drittel der insgesamt 40.000 Einwohner der Stadt aus. Dabei stellte die jüdische Bevölkerung Drohobychs keineswegs eine homogene Gruppe dar: Vielmehr prägten verschiedene religiöse und säkulare Strömungen, sowie verschiedene soziale und politische Gruppen das gesellschaftliche Leben des jüdischen Drohobychs.

Innenraum der Synagoge, noch nicht renoviert. Originale Farbreste.
Innenraum der Synagoge, noch nicht renoviert. Originale Farbreste.
Fassada der großen Synagoge, zentral gelegen.
Fassada der großen Synagoge, zentral gelegen.

Die deutsche Besatzung ab 1941 beendete das jüdische Leben in der Stadt tragisch. Die meisten jüdischen Einwohner wurden durch die Besatzer, teilweise unterstützt durch die lokale Bevölkerung, auf offener Straße oder in einem nahegelegenen Waldstück ermordet; andere wurden in das Vernichtungslager Belzec deportiert. Von den etwa 17.000 jüdischen Einwohnern Drohobychs waren im August 1944 noch etwa 400 am Leben. Die wenigsten Überlebenden kehrten nach Kriegsende in die Stadt zurück, die meisten ließen sich in Israel oder Amerika nieder. Heute erinnert im Stadtbild nur wenig an die jüdische Vergangenheit Drohobychs. Die Erinnerung wird vor allem durch private Initiativen aufrechterhalten: So wird beispielsweise die alte Synagoge im Zentrum der Stadt mit Mitteln eines privaten Förderers aufwendig renoviert. Nach Fertigstellung der Renovierungsarbeiten soll die Synagoge durch die heute existierende kleine jüdische Gemeinde Drohobychs genutzt werden.

Bruno Schulz

Bruno Schulz Plakette

 

Gedenktafel an Bruno Schulz’ letztem Wohnhaus.
„In diesem Haus wohnte und arbeitete zwischen 1910-1940 ein herausragender jüdischer Maler und Schriftsteller, Meister des polnischen Wortes
Bruno Schulz 1892-1942„
Auf Ukrainisch, Polnisch und Hebräisch

Einer der prominentesten Söhne des jüdischen Drohobsch ist der 1892 geborene jüdisch-polnische Maler und Schriftsteller Bruno Schulz. In den 1930er Jahren fand sein literarisches Werk unter polnischsprachigen Rezipienten starken Anklang. Der Autor phantastischer Erzählungen gilt heute als einer der bedeutendsten polnischsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.
1942 wurde Bruno Schulz während eines Massakers an der jüdischen Bevölkerung Drohobych. Vor seinem Tod wurde Schulz von dem für seine Brutalität berüchtigten SS-Hauptschaarführer Felix Landau gezwungen, dessen Familienvilla mit Fresken zu verzieren. Nachdem die so entstandenen Fresken lange Zeit aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwundenen waren, wurden sie 2001 im Zuge von Dreharbeiten an einem Film über Bruno Schulz wiederentdeckt.Nach ihrer Entdeckung standen die Fresken im Zentrum einer Kontroverse zwischen dem Polnischen, Ukrainischen sowie dem Israelischen Staat. Nach der Entdeckung der Fresken hatten Mitarbeiter der israelischen Holocaustgedenkstätte Yad Vashem einen Teil der Fresken nach Israel gebracht. Vertreter der polnischen und Ukrainischen Seiten prangerten die Aktion als eine illegale Entführung ihres jeweiligen nationalen kulturellen Erbes an, während Vertreter Jad Vashems auf die Legalität der Aktion bestanden und auf die sorgfältige Bewahrung der Erinnerung an das Schicksal des Juden Bruno Schulz während des Holocaust verwiesen.
Die Kontroverse beschränkte sich nicht nur auf diplomatischen Austausch, sondern erstreckte sich durch Berichterstattung und Kommentierung von Personen des öffentlichen Lebens auch in die öffentliche Ebene. Letztlich wurde der Streit beigelegt und die Beteiligten einigten sich auf eine 20 Jährige Leihgabe der Kunstwerke an Israel. Heute nimmt die Erinnerung an Bruno Schulz großen Raum in der Erinnerungslandschaft der Stadt ein. In seinem Gedenken finden beispielsweise regelmäßig Festivals mit Aufführungen seiner Werke statt. Im Jahr 2003 wurde im Pädagogischen Institut Drohobitsch ein Bruno Schulz Museum eröffnet.

Mehr zur jüdischen und polnischen Vergangenheit der Region

Umgang mit der sowjetischen Vergangenheit

Die Installation über dem Eingang der Gedenkstätte der "Kämpfer der Freiheit der Ukraine"
Die Installation über dem Eingang der Gedenkstätte der “Kämpfer der Freiheit der Ukraine”

In der Erinnerungslandschaft Drohobychs und der nahegelegenen Stadt Stryi nimmt die sowjetische Vergangenheit einen wichtigen Platz  ein. Beide Städte waren nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bis zum Einmarsch der Wehrmacht 1941 sowjetisch besetzt und wurden nach Kriegsende in die Sowjetunion eingegliedert. Im ehemaligen NKWD-Gefängnis in Drohobych befindet sich eine Gedenkstätte für die Opfer der sowjetischen Herrschaft. Sie entstand aus einer lokalen Kooperation öffentlicher und privater Akteure. Vor dem Gebäude wird auf Gedenktafeln in Ukrainischer Sprache den in diesem Gefängnis getöteten „Opfern der stalinistischen Repressionen 1939 bis 1941“ gedacht. Dabei fällt auf, dass sich auf den Tafeln auch viele polnische Namen wiederfinden.

Gedenktafeln an der Wand des ehemaligen NKWD-Gefägnisses in Drohobych
Gedenktafeln an der Wand des ehemaligen NKWD-Gefägnisses in Drohobych
Drosselbeerenbaum aus Eisen, präsentiert bei Führung.
Drosselbeerenbaum aus Eisen, präsentiert bei Führung.

Teil des Komplexes ist auch die eiserne Nachbildung eines Drosselbeerstrauchs. Der Strauch ist ein Symbol für den so genannten Holodomor, die menschengemachten Hungersnot in der ukrainischen Sowjetrepublik in den Jahren 1932 und 1933. Die Hungersnot stellt ein zentrales Element der gesamtukrainischen Erinnerungskultur dar. Dabei sind sowohl die Opferzahlen – zwischen zwei und sieben Millionen Menschen – als auch der Begriff Holomodor stark umstritten.

 

 

 

Im Innern des Museums wird die Geschichte der Ukraine im Sinne eines Okkupationsnarrativs interpretiert. Es werden verschiedene Phasen der Besetzung und Unterdrückung nach der habsburgischen Herrschaft aufgezeigt – die polnische Herrschaft nach dem ersten Weltkrieg, die wechselnde deutsche und sowjetische Herrschaft während des zweiten Weltkrieges sowie die Eingliederung in die Sowjetunion danach. Jede dieser Phasen findet in den Verbrechen an der Ukrainischen Bevölkerung ihren Ankerpunkt.

 

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Im ausliegenden Gästebuch finden sich Danksagungen an die Museumsbetreiber und Ehrungen an die heldenhaften Freiheitskämpfer der Ukraine.

14.10.2015 Politische Partei „Objednannia Samopomitsch“ (Selbsthilfe Verein)
Ewiges Angedenken an die Helden, die in diesen Räumen unschuldig getötet wurden.
Ruhm der Ukraine!
Ruhm den Helden!

16.10.2015 Drohobitsch politechnisches Fachlyzeum Gruppe 26, Elektroschweißer Gruppe 18, Schneidermeister.
Herzlichen Dank für die Erinnerung an die Vergangenheit unserer Landsleute. Ruhm der Ukraine!
Ruhm den Helden!

Herzlichen Dank für die Information, die Sie sammeln und verbreiten und unserem Volk zu Ohre bringen. Danke für Ihre Arbeit!
Harbar K., Saporizhzhia

Ich bin sehr dankbar für alles, was wir in diesem Museum gehört haben! Das Wichtigste ist, dass wir uns immer daran erinnern sollen. Ich bin stolz auf mein Volk , das solche schrecklichen Dinge überleben hat, und, leider, überleben wir heute auch einen Krieg. Danke Ihnen!
(28-10-2015) Khulimitsch E. A. Luhansk Gebiet.

Statu Stryj breit
Im Innern der Gedenkstätte
Im Innern der Gedenkstätte

Ehemaliges Gefängnis in Stryj

"Kämpfer für die Freiheit der Ukraine"
“Kämpfer für die Freiheit der Ukraine”

In einem ehemaligen NKDW Gefängnis in Stryj befindet sich ebenfalls eine 2005 mit privaten und staatlichen Geldern eingerichtete Gedenkstätte für die „Kämpfer für die Freiheit der Ukraine“. Das Gebäude wurde ab 1919 von den polnischen, sowjetischen und deutschen Autoritäten zur Internierung von Gefangenen verwendet. Es war bis 1965 als sowjetisches Strafgefängnis in Gebrauch.
Bei Ausgrabungen wurden 1991 die Überreste von insgesamt 255 Personen die in sowjetischer Haft getötet worden waren gefunden.
Vor dem Gebäude ist eine Statur im Gedenken an die Opfer der Hungersnot 1932-33 platziert. Die Komposition der Statue lässt Rückschlüsse auf die Bedeutung der Hungersnot für eine ukrainische nationale Identität zu. Der ausgemergelte Körper liegt den Händen einer „Mutter Ukraine“.

Denkmal für die Befreier der Ukraine

"Für die Befreier der Ukraine" 2015
“Für die Befreier der Ukraine” 2015

Unter sowjetischer Herrschaft wurde 1965 im Zentrum Stryjs eine Denkmalanlage „für die Befreier der Ukraine“ zu ehren der im zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten der Roten Armee errichtet. Sie bestand aus einem Obelisk mit eingravierten prominenten Schlachtenorten des Kireges und einer ein Kind haltenden Soldatenstatue.
2014 wurde die Statue  von Mitgliedern der momentan in der Kommunalregierung stehenden Swoboda-Partei entfernt und auf einem lokalen Friedhof platziert. Auf der Front des Sockels dieser Statue ist nun das Nationalsymbol, der „Goldene Dreizack“ zu sehen. Die damalige regionale Verwaltung dementierte nach Protesten aus Russland eine Beteiligung an der Entfernung der Statue.

Ein Foto der Statue von 2009
Ein Foto der Statue von 2009

Hier bekommst du mehr Informationen zur sowjetischen Vergangenheit der Region