Bukowina

Die am Rande der Karpaten liegende Region Bukowina war lange Zeit Teil des Fürstentums Moldau und stand dabei unter osmanischer Herrschaft. 1775 wurden die Gebiete von Österreich-Ungarn annektiert. 1848 erlangte die Bukowina unter Habsburger Herrschaft schließlich Regionalautonomie, wodurch sie zum östlichsten und kleinsten Kronland Österreich-Ungarns erhoben wurde. 1861 folgte die Einrichtung eines eigenen Landtags in der Regionalhauptstadt Czernowitz. Noch heute sind viele Spuren der Habsburger Zeit, die als „goldene Ära“ und kulturelle Blütezeit die heutige Erinnerungskultur die Region prägt, in der Bukowina zu finden.

Kanaldeckel mit rumänischer Aufschrift
Kanaldeckel mit rumänischer Aufschrift
Denkmal für die Soldaten der Roten Armee
Denkmal für die Soldaten der Roten Armee
Ehemaliges Sparkassengebäude Czernowitz
Ehemaliges Sparkassengebäude Czernowitz

Nach dem 1. Weltkrieg wurde die Bukowina in den Pariser Verträgen Rumänien zuerkannt. 1940 eroberten sowjetische Truppen die Gebiete, nur ein Jahr später folgte die Besetzung durch die deutsche Armee. Nach der sowjetischen Rückeroberung im Jahr 1944 wurde die nördliche Bukowina Teil der ukrainischen Sowjetrepublik. Seit dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991 ist die Bukowina geteilt. Die Nordbukowina ist seither der kleinste Verwaltungsdistrikt der unabhängigen Ukraine, während die südliche Bukowina zu Rumänien gehört.

 

Die unsteten Herrschaftsverhältnisse der letzten Jahrhunderte wirken in der Bukowina indes bis heute nach. Unterschiedliche Identitätskonstruktionen der Bevölkerung resultieren dabei vor allem aus den verschiedenen kulturellen Einflüssen der letzten Jahrhunderte. Den Habsburger Einflüssen des 19. Jahrhunderts stehen dabei vor allem sowjetische Kulturelemente aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegenüber.

Straßenfest in Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina.

Auch die Nationalitäten der Bukowiner Bevölkerung sind vor dem Hintergrund der wechselhaften Besiedlungs- und Herrschaftsgeschichte der Region zentrales Identitätsmerkmal für einen Großteil der Bevölkerung. Ein Blick in die ukrainisch-rumänische Grenzregion der Bukowina illustriert deutlich die pluralistische Bevölkerungszusammensetzung der Bukowina: So ist das in der Ukraine gelegene Dorf Mahala, welches beinahe ausschließlich von rumänischstämmigen Menschen bewohnt wird, in der ukrainischen Bukowina keine Ausnahme. Beinahe der gesamte Südosten der ukrainischen Nordbukowina ist mehrheitlich rumänisch besiedelt, Teile der rumänischen Südbukowina wiederum sind überwiegend ukrainisch bevölkert.

Als weitere Gruppe von ehemals großer Bedeutung in der Bukowina sind die Bukowina-Deutschen zu nennen. Im Rahmen einer nationalsozialistischen Umsiedlungsaktion verließen im Jahr 1940 rund 45.000 von ehemals 50.000 Deutschen die Bukowina. Minderheitenverbände finden sich heute noch vereinzelt in größeren Städten wie Czernowitz oder Radautz (Rumänien).

 

Im Rahmen unseres Oral History-Projektes war es uns möglich, die zuvor illustrierten, unterschiedlichen Positionen und Erinnerungen verschiedener Bukowina-Bewohner zu erfassen. Frau Aurora Saintschuk aus dem rumänisch geprägten Dorf Mahala schilderte uns überwiegend Erfahrungen aus ihrer Zeit im sowjetischen Lager in XY, in das sie als Kind mit ihrer Familie durch die sowjetischen Machthaber deportiert wurde. Die Rollenmodelle von Herrschern und Beherrschten im Zuge der ersten und zweiten Sowjetisierung waren in diesem Narrativ ebenso klar aufgeteilt, wie im Interview mit Prof. Y aus Czernowitz. Auf diese Weise trugen die beiden Zeitzeugen das binäre Schema der Freund-Feindbilder weiter.

 

Während Frau Saintschuk vor allem die opferreiche Geschichte des rumänischen Volkes zur Sprache brachte, konzentrierte sich Prof. Ys Darstellung auf die politischen und kulturellen Einschränkungen der ukrainischen Bevölkerung im Rahmen der Sowjetisierung. Der Bukowina-Deutsche Eduard Mohr aus Radautz in Rumänien schilderte uns schließlich seine Wahrnehmung des interkulturellen Zusammenlebens in der Südbukowina und der übrigen UdSSR. 

Straßenbild Czernowitz
Straßenbild Czernowitz
In der Jurij-Fedkovytsch-Universität Czernowitz
In der Jurij-Fedkovytsch-Universität Czernowitz