Interviews: Kysylyn

 

Kysylyn

Oral History Interviews in Kysylyn

Das in Kysylyn geführte Interview mit der Zeitzeugin Halyna Kowtonjuk verdeutlichte die Auswirkungen der Triple Occupation, die besonders der Historiker Timothy Snyder als enscheidend für die Entwicklungen in Wolhynien betrachtet, auf die Dorfstruktur. Ein Gespräch mit einer ukrainischen Lokalhistorikerin, Oxana Sutschuk,  vor Ort unterstrich die kontroverse Erinnerungskultur und die Aktualität des polnisch-ukrainischen Konfliktes in Wolhynien.

Halyna Kowtonjuk über die Besatzungszeit in den 1940er-Jahren.

1941 wurde noch unter der vorübergehenden Militärverwaltung während der deutschen Besatzung eine Hilfspolizei aus ukrainischen Dorfbewohnern eingerichtet und am 19. August  eine erste gewalttätige Aktion ausgeführt, bei der 48 Juden und zwei ukrainische Kommunisten ums Leben kamen. Die Erschießungen wurden dabei von deutschen Sonderkommandos oder dem SD durchgeführt. Bei einem der beiden Kommunisten handelte es sich um den Vater der Interviewten Halyna Kowtonjuk, die zur Zeit der Erschießung 13 Jahre alt war. Dementsprechend ist davon auszugehen, dass ihre Aussagen während des Interviews aus einer direkten persönlichen Erfahrung stammen und eine authentische Erinnerung gegeben ist. Diese ist aber auch durch die eine besondere familiäre Involvierung wärend er Konfliktsituation emotional geprägt. Kowtonjuk erinnerte sich an den Todestag ihres Vaters während der Besatzung durch die Deutschen.

 

 

Transkript der Interviewsequenzen (Download)

Halyna Kowtonjuks Aussagen machen deutlich wie tief die verschiedenen Okkupationen in die Dorfstruktur eingriffen: im Falle der sowjetischen Herrschaft durch die Einrichtung von Kolchosen, was hier dem Vater als deren Leiter einen neuen sozialen Status im Dorf brachte, im Falle des national-sozialistischen Regimes die Eliminierung der Vertreter dieser feindlichen sowjetischen Ordnung.

 

Der nächste Punkt der Gewaltgeschichte in Kysylyn wird markiert durch das Massaker von Ukrainern an der polnischen Dorfbevölkerung, die am 11. Juli 1943 in der römisch-katholischen Kirche kurz nach der Sonntagsmesse attackiert wurde.  Die Aktion fand in einem Vakuum der Machtverhältnisse zwischen den deutschen Besatzern und der seit dem Sieg in Stalingrad vorrückenden Roten Armee statt. Zwischen 60 und 90 polnische Zivilisten fielen der Aktion in Kysylyn zum Opfer, die sowohl von Mitgliedern der nationalorientierten Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) als auch von ukrainischen Dorfbewohnern und Dorfbewohnerinnen ausgeführt wurde.

 

Der Überlieferung nach mussten sich die Polen vor ihrer Erschießung ebenso wie die Juden entkleiden. Das Massaker ist in einen weiteren regionalen Kontext einzubetten, da am selben Tag in Wolhynien etwa 10.000 (G. Motyka) polnische Zivilisten von Mitgliedern der UPA in organisierten Angriffen ermordet wurden.

Denkmal für die getöteten Kommunisten im Dorf Kysylyn.
Denkmal für die getöteten Kommunisten im Dorf Kysylyn.

Lokalhistorikerin Oksana Sutschuk zur Verantwortungsfrage.

Halyna Kowtonjuk berschrieb die Beziehungen zwischen polnischen und ukrainischen Dorfbewohnern vor dieser Attacke als friedlich und positiv.

 

Lokalhistorikerin Oksana Sutschuk erläuterte an der Gedenkstätte der Kirche, dass es sich bei dem Anschlag auf die polnische Bevölkerung um eine spontane, ungeplante Aktion gehandelt habe. Dass das Massaker am 11. Juli 1943 eine spontane Aktion war, wird jedoch von der Wissenschaft verworfen, da es an diesem und dem darauf folgenden Tag zahlreiche simultane Aktionen der UPA gegen die polnische Bevölkerung gab. Die Gewalttat in Kysylyn ist daher in einen größeren historischen Kontext einzuordnen. Die Aussage von Frau Sutschuk lehnt sich an das ukrainische Narrativ an, das die Erinnerungskultur des polnisch-ukrainischen Konfliktes in der Ukraine stark beeinflusst. Nichtsdestotrotz gab sie im Rahmen des Oral-History-Interviews an, dass es die Verantwortung zeitgenössischer und späterer Generationen sei, gegen das Vergessen vergangener Taten anzukämpfen.  Gerade heute sind die Diskussionen, ob es sich beim 11. Juli um einen Bürgerkrieg, eine ethnische Säuberung oder gar einen Genozid handelt, in den Medien wieder sehr präsent und werden von der polnischen und ukrainischen Seite unterschiedlich bewertet.